TEXTE
 
"minimal duets" Anders Petersen
Anders Petersens Arbeiten scheinen nicht von dieser Welt zu stammen: keine Figur, keine Perspektive, kein Stillleben, nur leichte Anmutung von Landschaft, gebunden in der atmosphärischen Einheit von Ruhe und Bewegung. Die Farben atmen ruhig und tief, wirken feierlich und entrückt, Holz und Zink dienen als Resonanzkörper des Lichts. Die weiten, gestisch gemalten Farbflächen führen die Malhandlung vor und zeigen die Grenzenlosigkeit der Bildgrenzen auf. Die Energien der Farbfelder expandieren gleichermaßen in die Tiefe und nach vorn. Sie beherrschen den realen Raum und saugen die räumliche Situation auf, verinnerlichen sie durch Maß, Proportion, Spannung und Präsenz. Der Künstler entschleunigt unsere Betrachtung: seine Bilder dringen langsam ein und wirken lange nach, eine zentrale Kategorie ist die Zeit.

Der Maler und Grafiker Anders Petersen verfolgt eine konkrete, ausgesprochen konzeptuelle Malerei, die ihre individuelle, eigenwillige Position aus grafischen wie skulpturalen Ansätzen bezieht. Dieses Petersensche Nachdenken über Malerei aus der Perspektive des Grafikers setzt bereits am Bildträger an, denn die objekthaften Bildtafeln wachsen als dreidimensionale Farbraumkörper aus der Wand. Sie sind weniger klassisches Tafelbild denn Farbtor, Fenster, Flügelaltar oder Bildkachel. Sie wölben sich in der Schichtung von Holzvolumen und Zink in den Raum vor, während die überlieferte Farberuption den Bildraum nach hinten in die Mauer öffnet.

Anders Petersens Bilder setzen sich aus farbig bearbeiteten Holzplatten mit rein monochromen Farbflächen in charakteristischen Blau- und Rottönen und den darauf in unterschiedlichen Positionen als Unterzug, seitlicher Balken, querende Mittelbahn oder welliges Band angeordneten Zinktafeln, quasi den materiellen Relikten des Tiefdrucks, zusammen. Zuerst wird über die kalkuliert bemessene Form der Zinkplatte entschieden und das zugeschnittene Metallstück auf dem Holz platziert. Unter größtem Druck mit der Radierpresse in das Holz geprägt, wird es fest mit dem Untergrund verleimt und an den Ecken vernagelt. Die Zinkfläche sind durch ein geometrisches Muster geritzter Linien und erhabener Nägelköpfe organisiert, somit wird eine einfache Ornamentik mit regelmäßiger Innenrahmung vollständig aus der Konstruktion der Befestigung ermittelt.

Beide Bildteile - und das ist das große Geheimnis der Petersenschen Kunst -unterliegen einem gemeinsamen Malprozess, um die Verbindung der eigentlich wesensfremden Materialien zu gewährleisten. Holz und Zink werden wiederholt mit lasierenden Farbschichten überzogen, die Acrylfarbe über das gesamte Bild gespachtelt, verdichtet, heruntergeschabt, neu aufgebracht. Dabei speichert die empfindsame Zinkoberfläche jede noch so kleine Verletzung, jede Schramme und Schürfung, und verwahrt einzelne Farbreste. Am Ende wird das Zink wieder gänzlich freigelegt, gleich einer Kaltnadelradierung ausgewischt, gereinigt, frei geschabt. Doch bleiben die Spuren der Bearbeitung, dieses gleichgerichteten Schabens, als in das Metall eingegrabene Strichbündel und Parallelschraffuren ablesbar. In unbedingt präziser Form- und Materialanalytik lotet der Künstler die Möglichkeiten einer, eben immer aus dem grafischen Rohstoff und Werkzeug entwickelten Malerei als Ziel gerichtete Aktion von Schneiden, Drucken, Spachteln und Schaben aus.

Was die besondere Qualität von Anders Petersen Kunst ausmacht, ist der auratische Gesamteindruck, der aus der bedächtigen malerischen Handlung, also aus dem schichtweise Bedecken des hölzernen Malgrunds mit lasierenden Farbebenen und deren Verdichtung zu stark fleckigen oder feiner nuancierten Farbteppichen resultiert. Seine Antwort auf die alte Frage, was Malerei ist, ist so einfach wie klug: Malerei ist schlicht das vielfache Auftragen von Farbschichten. Dann entstehen optisch pulsierende und in wechselnden Farbtönen scheckig aus dem Grund schwellende Farbsignaturen, die sowohl den Materialcharakter betonen als auch den maltechnischen Prozess mit seiner bewegten Geste in sichtbaren Spuren überliefert.

Im Wechsel des Materials konfrontiert Anders Petersen diese immateriellen, organisch vibrierenden Farbzonen der Holztafel mit dem dinglich greifbaren, technoid kühlen Metall. Während sich die manuelle Farbschichtung zu ideeller transparenter Räumlichkeit gleichsam in die Tiefe entwickelt, das reale Licht aber schluckt, reflektiert die hermetisch verschlossene Zinkplatte in Ritzen und Kratzern das Licht und wirkt als Spiegel, der die Bewegungen der Menschen im Raum einfängt. Beide Bildkomponenten, bemalter Holzträger und ausgewischte Zinkplatte, also letztlich Malerei und Grafik selbst, treten in einen Dialog ein und stimmen einen - wie es der Titel der Ausstellung sagt - "Wechselgesang" von Transparenz und Dichte, Imagination und Konkretion, an, ohne jedoch ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Denn sie reagieren ganz unterschiedlich auf den Werkprozess, argumentieren mit zwei Wirklichkeitsebenen und liefern jeweils einen inhaltlichen Kommentar zu ihrem Mitspieler. Das Werk wird also ganz aus der kalkulierten künstlerischen Aktion und den spezifischen Eigenschaften des Materials gedacht.

Seit vielen Jahren sinnt Anders Petersen in seinen Bildern über das Wesen der Malerei und Grafik nach. Einerseits beschreibt er den konkreten Vorgang des Malens als solchen, andererseits übersetzt er direkt gewonnene Eindrücke in landschaftlich anmutende Klärungen, die ohne abzubilden Naturhaftes erfahrbar machen. Silent sea imaginiert in schmal gestrecktem Hochformat eine bewegte Wolkenformation über grauem Wattenmeer, das sich duftig trüb im Zinkbalken materialisiert. Hier werden durchaus Inhalte transportiert, doch wenn existente Landschaften als Inspiration dienen, dann allein als Muster der Flächenteilung und Skala des Farbeindrucks, eben in das rigide formale System übersetzt. In den neuen, irritierend an Augen erinnernden Kreisformaten observateur erfährt der alte Türspion seine neuerliche künstlerische Aktualisierung, wenngleich sich die glänzende Form auch zu Monets Seerosen im Garten Giverny formalisieren lässt. Für solche vorsichtigen kunstgeschichtlichen Formanleihe stehen auch die gerundeten Zinkbänder nach Hokusais berühmter Welle.

Immer tendiert die Kunst Anders Petersens auch zu spirituellen Dimensionen, sozusagen zur Bildmeditation. Last words, hier ernsthaft als letzte Worte Christi verstanden, gemahnt in seinem metallenen Querbalken und der Bildfuge, die ihn erst zum Kreuz vervollständigt, in fast blutrotem Fond an Kreuztragung und Kreuzigung. Dieser Intimität persönlicher Erfahrungen stellt er aber gezielt die ausdauernde Körperlichkeit des Malakts und die objektivierende Materialität der Werkstoffe entgegen. In dieser subjektiven, assoziativ offenen Skizzenhaftigkeit der Arbeiten deutet Anders Petersen stets mehr an, als er tatsächlich formuliert; wichtiger ist ihm die Begründung einer spezifisch bildnerischen Position.

Hans-Dieter Sommer hat vor einigen Jahren präzise benannt, was uns an den Arbeiten von Anders Petersen überrascht und beeindruckt: "Die Verlangsamung der Arbeit durch den handwerklichen Vorgang verknüpft die reduzierte, klare Form mit fast romantischer Hingabe. Der aus dem Schaffensprozess destillierte Bildkörper wird in der zeitlichen Dehnung zu einem durchlebten poetischen Gegenstand. Das Zarte, Brüchige und das Wuchtige, Erhabene finden in einer konzentrierten Bildidee zusammen."

Jens Martin Neumann I Kunsthistoriker I Kiel



minimal duets

Jens Martin Neumann - art historian - Kiel (Schleswig-Holstein)

Anders Petersen's pieces of art do not seem to be of this world: no character, no perspective, no still life; instead, impressions of a scenery framed in silence and movement at the same time. The colours, breathing quietly and deeply, appear solemn and enchanted. Wood and zinc reflect the light. The surface of the colours, vastly painted, express the act of painting and let the painting appear endless. The energy of the colour fields extend both, into depth and forward. They dominate the real room and absorb any physical situation, embodying it through measure, proportion, suspense and presence. The artist decelerates our perception: his paintings unfold their impact slowly and continuously, time being a relevant category.

The painter and graphic artist Anders Petersen follows a concrete, rather conceptual painting, his individual and original view is based on graphic as well as sculptural approaches. The medium he uses reveals this Petersen-style reflecting on painting from a graphic artist's perspective; the rather haptic plates appear as a three-dimensional coloured body growing from the wall. They are a coloured gate, a window, a winged altar, an image tile. The volume of zinc and wood juts out into the room whereas the eruption of colours opens up the space behind the wall.

Anders Petersen's paintings are composed of consistently monochrome wooden plates in blue and red shades, upon which the zinc plates are arranged, serving either as a bottom, a side or cross shore or an uneven string. The artist first cuts out the zinc plate and then puts it on the wood. Using the extreme pressure of an etching press, the zinc plate is then coined on the wood, glued on the bottom and nailed at the edges. The zinc surface shows a pattern of geometrically organised carved lines and embossed nail heads, thus the construction itself creates a simple ornamentation with a regular inner frame.

Both parts of the painting - and this is the secret of Petersen's work of art - originate from one and the same process of painting, thus ensuring that the actual completely different materials are closely connected. Wood and zinc are repeatedly covered with a coloured coat of varnish, the complete painting is filled with acryl paint, the paint being scraped off and reapplied. The rather sensitive zinc surface reveals even the smallest scratch, abrasion or any other cut. At the end of the process the zinc is again utterly uncovered, wiped off, cleaned - as in a dry point process. However, the trails of this process remain visible as bundled lines and parallel hatchings being carved into the metal. In this intentional cutting, printing, filling, scraping, the artist fathoms out the possibilities of painting based on graphic resources and tools, precisely analyzing form and material.

The very special quality of Anders Petersen's work of art lies in the auratic overall impression which results from his deliberate action of painting - the covering of the wooden bottom layer by layer with coloured coats of varnish and their processing to a carpet of colour with either strong marks or subtle nuances of speckles. His answer to the ancient question - what is painting? - is as simple as it is intelligent: Painting simply is the frequent and repeated application of colour layers. Thus coloured signatures, visually throbbing and changing in shades, come into existence that arise from the bottom, accentuating the character of the material as well as transmitting the technical process of painting.

In changing the material Anders Petersen combines the lively, vibrating colours of the wooden plate with the chilly and technical metal. While the manual layers of colour develop to a spiritually transparent three-dimensionality into depth and thus swallow the real light, the hermeneutically locked in zinc plate reflects the light on its cracks and scrapes, thus functioning as a mirror that catches the people's movements in the room. Both parts of the painting - the painted wooden carrier as well as the wiped-out zinc plate, that is to say the painting and the graphic process themselves - enter in a dialogue with each other and - in accordance with the title of the exhibition - hum an "alternating tune" of transparency and substance, imagination and concretion, without ever losing their independence. For they react completely differently to the process, they express themselves in two different levels of reality and reveal to their fellow player their very own comment on the piece of art. The work of art is defined as a well-calculated artistic action taking into account the specific characteristics of the material used.

For many years Anders Petersen has been thinking about the nature of painting and graphic. On the one hand he describes the very process of painting as such, on the other hand he transfers immediate impressions to scenery-like ideas, which show the nature of nature without ever portraying it. Silent sea shows in a narrowly stretched vertical format a moving formation of clouds above grey mud-flats, which materialize in the zinc shore, hazy and dull. Indeed, concepts are being conveyed; real sceneries are being used as a source of inspiration; however, they only provide the pattern for the area and the colour scale, which are then transferred to the rigid formal system. In observateur the new forms of a circle which irritatingly remind you of eyes the well-known door viewer is artistically updated, even though one might argue that the gleaming form would also suit Monet's water lilys in the garden Giverny. The rounded-up strings of zinc might also be regarded as such an art-historical borrowing of forms from Hokusais famous wave.

Petersen's work of art often enters spiritual dimensions, they offer a meditation upon the painting. Last words, literally and seriously meant to refer to Jesus Christ's last words, remind of Jesus Christ's Bearing of the Cross and Crucifixion, the metal cross shore and the fugue together building a cross against a blood-red background. This very intimate and personal experience is deliberately objectified by constantly being aware of the physical process of painting and the material used. Anders Petersen's intention is to develop and display his very own artistic and creative position and, in doing so, imply rather than actually state; this intention is reflected in the subjective and associative sketching of his work.

Many years ago Hans-Dieter Sommer precisely pointed out why Anders Petersen's work of art is that impressing and surprising: "The deceleration of his work through the manual process combines the reduced and clear form with a romantic devotion. From the point of view of the slow and pensive creative process the painting rather becomes a vivid poetical object. The concept of Petersen's painting comprises the soft and the fragile, the massive and the solemn at the same time.

Translation: Heike Hüsers, 09.01.16